Das wars
Reiseberichte / Island Solo Winter-Transversale

 !  Island Solo Winter-Transversale
Geschmolzener Traum
Der Versuch einer Island Solo Winter-Transversale
von © Martin Hülle (Text und Fotos)


Prolog
Das Ziel war herausfordernd. Eine Durchquerung Islands. Von Nord nach Süd. Von Ásbyrgi nach Hvolsvöllur. Im Winter. Allein. Nur mit Skiern und Pulka quer durch das menschenleere Hochland. An Vulkanen, Gletschern und heißen Quellen vorbei. Während der Fahrt nach Ásbyrgi brandete das Nordmeer sturmgetrieben an der Küste gegen die Felsen. An Land schimmerte allerorts das grau, schwarz und braun der Landschaft durch die dünne Schneedecke. Ich war der einzige Fahrgast in dem Bus, der diese kaum besiedelte Ecke Nordost Islands bedient. Am Nordrand des Nationalpark Jökulsargljufur erwartete mich ein einsamer Laden, eine Tankstelle und ein eisiger Wind, der mir die Kälte in die Knochen trieb und mich mein Zelt rasch etwas geschützt in der Felsenschlucht Ásbyrgi aufbauen ließ. Ein wenig lief ich noch durch die Schlucht, die der Sage nach durch einen Huftritt von Odins achtfüßigem Galopper Sleipnir entstanden sein soll, bevor ich mich in meinem Zelt verkroch. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Der erste Tag von 28 Tagen. Mehr als 400 km Strecke lagen vor mir. Sturm war angesagt, dann steigende Temperaturen, auch Regen. Wie würden die Schneebedingungen sein? Zweifel nagten an mir. Ich war bedrückt.

Freitag, 18. März  1.Tag
Die erste Nacht war unruhig. Ein Sturm rüttelte ununterbrochen am Zelt. Mehrfach musste ich nur mit der Unterhose bekleidet hinaus schlüpfen und die Zeltleinen neu fixieren. Erst am Vormittag wurde es ruhiger. Die Sonne kam hervor und ich konnte meinen Rucksack und den Schlitten packen. Auf dem ersten Abschnitt meiner Route lag jedoch gar kein Schnee. Daher montierte ich zwei Reifen unter die Pulka, um sie so hinter mir her ziehen zu können. Erst über ein Stück Asphalt, dann über eine recht feste Schotterstraße, später über die aufgeweichte Hochlandpiste F862. Die Pulka zerrte höllisch am Rucksack, tänzelte hin und her und die Reifen gruben sich tief in den Kies. Stoisch nahm ich meine quälende Langsamkeit in Kauf. Der Schnee und damit die Glückseligkeit des Skilaufens würde schon noch kommen. Und dann kam er. Dünn lag er auf der Piste, die sich wie ein weißes Band durch die ansonsten schneearme Landschaft zu ziehen schien. Endlich konnte ich die Skier anlegen und die Reifen auf den Schlitten verbannen. Nun ging es so richtig los. Doch auch auf der Hochlandpiste war die Schnee- und Eisdecke nicht überall von tragender Qualität. Mancherorts setzte sie sogar ganz aus und machte Platz für Pfützen, Steine und Matsch. Da es aber immer nur ein paar Schritte waren, stakste ich mit den Skiern an den Füßen einfach hinüber, bis ich wieder auf glattem Grund stand. Die Pulka zerrte ich einfach hinterher. Am Abend hatte ich so eine gute handvoll Kilometer geschafft und an Höhe gewonnen. Aber ich hoffte auf besseren Schnee. Weiter gen Hochland, da müsste er kommen.

Samstag, 19. März  2.Tag
Ein grünes Nordlicht zog am vorigen Abend noch seine faszinierenden Schlieren über den dunklen Himmel und zog mich in seinen Bann. Doch am Tage zog ich wieder die schwere Pulka über den spärlichen Schnee, die bei Temperaturen um die Null Grad daran festzukleben schien. Dazu lastete der Rucksack niederdrückend auf meinen Schultern. Alle 45 Minuten musste ich eine Pause einlegen, noch öfter kurz stehen bleiben und durchschnaufen. Zweimal zeigte sich die Piste an diesem Tag auf ganzer Breite in trübsinnigem grau-braun. Mehr als hundert Meter weit. Beide Male schnallte ich die Skier ab und zerrte die Pulka entweder brutal über die Steine, deren Kufen wässrige Rinnen in dem matschigen Boden hinterließen, oder zog sie auf Umwegen über Schneereste weiter. Mit jedem Schritt blieb etwas mehr Kraft und Energie in dem alten und dreckigen Schnee, auf den Eisplatten oder zwischen den im Matsch eingelagerten Steinen hängen. Dabei fielen nasse Schneeflocken vom Himmel, die auf der Kleidung schmolzen und auch auf dem Boden nicht lange liegen blieben. Am Abend regnete es dann und die Tropfen zermürbten weiter den wenigen Schnee.

Sonntag, 20. März  3.Tag
Endlich kam ich in ein Gebiet, wo der Schnee Überhand über die steinige Landschaft gewann, sie aber auch noch nicht ganz verdrängen konnte. Zwar hatten sich über Nacht Pfützen auf den eisigen Abschnitten der Piste gebildet, doch bald lag soviel Schnee, dass ich die Piste nicht mehr ausmachen konnte und ihren Verlauf aus den Augen verlor. Von nun an orientierte ich mich an den Bergkuppen und manövrierte mich so zwischen den Felsinseln hindurch. Zuweilen konnte ich das laute Tosen der Jökulsá á Fjöllum und des Dettifoss vernehmen. Dieser gewaltige Gletscherfluss und Europas mächtigster Wasserfall donnerten ein paar Kilometer entfernt vom Vatnajökull kommend gen Nordmeer. Der Berg Eilífur zeigte sich markant am Horizont und bald entdeckte ich auch wieder Anzeichen der Piste. Ich stieß auf Markierungen und Spuren im Schnee, zu denen sich kurz darauf die passenden Geräusche gesellten. Motorenlärm drang an mein Ohr, gefolgt von zwei Super-Jeeps, die plötzlich hinter einer Schneekuppe auftauchten. Mit den riesigen Reifen schwammen sie förmlich auf der Schneedecke. Es waren Ausflügler auf dem Weg zum Dettifoss. Ich wurde fotografiert als wäre ich ein Exot. Und so kam ich mir auch vor. Niemand sonst war hier mit Skiern unterwegs. Ich folgte den Reifenspuren im Schnee und kam zu meiner Zufriedenheit etwas zügiger voran. Aber der Schnee wurde bei einigen Graden über Null immer nasser und bräunlich schmutzig war er ohnehin allerorts. Am Abend setzte sich nach dem Schneeschmelzen ein dunkler Belag am Topfboden ab.

Montag, 21. März  4.Tag
Die relativ gute Schneelage war nur von kurzer Dauer. Je mehr ich mich der Ringstraße näherte, desto mehr nahm auch die Schneemenge wieder ab. Kahle Stellen wurden wieder häufiger. Vielfach schrabbte ich mit den Skiern über Flechten und Gestrüpp. Immer mehr verfiel mein Weg in ein weiträumiges Zickzack. Wasser stand in großen Tümpeln auf dem Eis. Das Thermometer zeigte 10 Grad an. Schweiß rann mir von der Stirn. Am späten Mittag erreichte ich die Straße. Dort ließ ich meinen Blick weiter Richtung Süden wandern und wurde mit Ernüchterung gepeinigt. Kaum Schnee war zu sehen. Nur dunkle Lavafelder. Naja, die Sicht war schlecht. Vielleicht lag die Besserung in höheren Lagen. Als ich erneut die Reifen unter die Pulka montierte, existierte noch ein Rest Hoffnung. Aber diese wurde schon auf dem Weg nach Osten, entlang der Ringstraße, zunehmend zerschmettert. Ich wollte die nächste Hochlandpiste erreichen und dieser weiter nach Süden ins Hochland folgen. Bis dahin erschien die Ringstraße als vermeintlich einfachster Weg. Aber mit der schweren, am Rucksack zerrenden Pulka über den Asphalt zu ziehen, war quälerisch. Zu meiner Freude entdeckte ich im Straßengraben ein schmales Schneeband, welches fast durchgängig in meine Richtung zog. Ich sattelte wieder auf die Skier um und kam unweit der Straße so etwas besser voran. Aber auch dort lief es alles andere als gut. Der Schnee war dreckig und klebrig. Grau und tief schwarz. Mit aller Kraft musste ich die Pulka vom Fleck bewegen. Die Skier blockierten auf dem stumpfen Untergrund. Etwas Regen kam auf. Eine dunkle Stimmung hüllte die Landschaft und mein Gemüt ein. Die Zweifel wurden immer einnehmender.

Dienstag, 22. März  5.Tag
Die letzten Kilometer bis zur Abzweigung der Hochlandpiste waren extremste Schinderei. Die Pulka bekam ich zuweilen kaum vom Fleck. Nur mit aller erdenklichen Anstrengung kam ich Schritt für Schritt weiter. Erst der Anblick der Piste F88 hellte meine Gedanken kurzfristig auf. Eine Eisbahn, wenn auch mit Wasser überzogen, schien von hier ins Hochland zu ziehen. Doch nach den ersten beflügelnden Metern Wasserski wurden die Bedingungen noch grausamer als zuvor. Der alte, stumpfe Schnee kehrte zurück. Dazu abwechselnd fragiles Eis, welches unter meinem Gewicht zerbrach. Dann wieder Schnee. Aber nun nass und matschig. Unterhöhlt oder überspühlt von Schmelzwasserbächen. Ich versuchte es mit und ohne Skier, nur um zu sehen, zu erfahren, wie die Sinnlosigkeit dieses Tuns in mir zur Erkenntnis reifte. Tränen kamen und Trotz. Noch ein Stück quälte ich mich weiter. Am Rande der Lavawüste Ódádahraun. Der Wüste der Missetäter. Doch als düstere Bewölkung aufzog, suchte ich nach einem Zeltplatz. Zwischen matschigem Kiesgrund, Bachläufen und Steinen fand ich gerade noch einen Schneefleck, wo Platz war für mein Zelt. Bis zum Horizont und wohl auch darüber hinaus dominierte schwarzes Land meinen Blick. Keine Anzeichen einer geschlossenen Schneedecke konnten diesen noch einmal erhellen. Der Weg ins innere des Hochlandes lag unüberwindbar vor mir. Diese schneesichere Region war in unerreichbare Ferne gerückt. Die Trostlosigkeit der Landschaft ergriff von mir Besitz.

Mittwoch, 23. März  6.Tag
Am Morgen war ich träge. Umzukehren fiel mir schwer, obwohl die Entscheidung von der Natur eindeutig diktiert wurde. Auf dem Weg zurück zur Ringstraße schleppte ich nun auch noch die Enttäuschung mit mir. Eine große Last, die sich weniger leicht abstreifen ließ, wie der Rucksack oder die zerrende Pulka. Zurück an der Straße setzte Schneefall ein. Wie herab fallender Spott erschienen mir die Flocken. Ich packte alles zusammen und stellte mich an den Straßenrand. Der erste Wagen hielt. Es war vorbei.

Epilog
Die folgenden Tage verbrachte ich am Myvatn. In der prallen Sonne kletterten die Temperaturen auf nahezu 20 Grad. Die Schneedecke schmolz zusehends. Überall auf Island herrschten nun Plusgrade. Auch im innersten des Hochlandes. Dauerregen weichte dort zudem den Schnee auf und meine Entscheidung wurde ins rechte Licht gerückt. Die Herausforderung Island von Nord nach Süd, von einem letzten Vorposten der Zivilisation im Norden bis fast zur Küste im Süden zu durchqueren, war in diesem Winter nicht möglich. Zumindest nicht "unsupported" und "by fair means". Nur mit Hilfe solcher Super-Jeeps, wie ich sie in der Nähe des Dettifoss getroffen hatte, wäre es möglich gewesen. Damit hätte ich mich hineinfahren lassen können ins Hochland. Dorthin, wo der Schnee lag. Aber dieser Insel mit riesigen Reifen und Dieselgestank zu Leibe zu rücken, war nicht mein Ziel. Nur mit schmalen Skiern und Kocherbenzin gerüstet, erschien mir die Herausforderung angemessen. Auch wenn ich lernen musste, dass dem Menschen ohne den Einsatz maßloser Technik zuweilen Grenzen gesetzt sind.

Route
Ásbyrgi - Hochlandpiste F862 - Ringstraße - Hochlandpiste F88 - Umkehrpunkt - Ringstraße
(etwa 80 Kilometer)
Im Norden Islands bei Asbyrgi
Im Norden Islands bei Asbyrgi
Am Beginn der Hochlandpiste zum Dettifoss
Am Beginn der Hochlandpiste zum Dettifoss
Zeltlager an der verschneiten Hochlandpiste
Zeltlager an der verschneiten Hochlandpiste
Im Nationalpark Jökulsargljüfur
Im Nationalpark Jökulsargljüfur
Zeltlager auf dem Weg zur Ringstraße
Zeltlager auf dem Weg zur Ringstraße
Ein Schmelzwassertümpel
Ein Schmelzwassertümpel
An der Ringstraße
An der Ringstraße
Schnee, Eis, Wasser und ......Sonne
Schnee, Eis, Wasser und ......Sonne
An der Abzweigung an der Hochlandpiste F88
An der Abzweigung an der Hochlandpiste F88
Das letzte Zeltlager am Umkehrpunkt
Das letzte Zeltlager am Umkehrpunkt
Blick zurück kaum Schnee
Blick zurück kaum Schnee
Die Enttäuschung im Gesicht
Die Enttäuschung im Gesicht

Weitere Interessante Infos gibt es unter
www.martin-huelle.de

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