Warme
Sonne über kaltem Eis
Eine
Überquerung des Jostedalsbreen in Norwegen
von Martin Hülle (Text und Fotos)
Langsam
steigt die Sonne über den Bergkämmen empor und durchflutet allmählich
das enge Tal am Kjosnesfjorden. Es ist kurz nach 6 Uhr. In dem
glatten Wasser des Sees spiegelt sich die umliegende Landschaft.
Ruderboote dümpeln am Rande festgezurrt in der morgendlichen Stille.
Die kühle klare Nacht weicht einem strahlenden Sonnentag. Mit
einem mulmigen Gefühl in der Magengegend packe ich meinen Rucksack.
Ich bin allein. Nur zögerlich lasse ich dieses Idyll zurück. Weit
oben in den Bergen erwartet mich nichts als Schnee. Ewiges Eis.
Ein Gletscher - unnahbar und doch verlockend. Schwer beladen mache
ich mich auf den Weg hinein ins Fossheimsdalen. Es wird zunehmend
wärmer und mit der kompletten Ausrüstung und Lebensmitteln für
10 Tage auf dem Buckel läuft mir bald der Schweiß in Strömen am
Leib herunter. Der Aufstieg durch das Tal ist mühselig. Die letzte
Schotterstraße endet frühzeitig. Auch ein matschiger und von krüppeligen
Birken überrankter Pfad führt nicht viel weiter. Von nun an heißt
es den rechten Weg selbst zu finden. Über moosige und sumpfige
Grasmatten, steile Hänge hinauf und dabei den Blick entweder gen
Himmel gerichtet oder hinab in die tief zu Füßen zurückliegenden
Täler. Mit jedem Höhenmeter wird die Vegetation spärlicher. Das
letzte Grün verschwindet zwischen den Felsblöcken. Nur noch zähe
Flechten fristen hier ihr Dasein. Sie krallen sich an die Steine,
die bald den einzigen Kontrast zum Überhand nehmenden Schnee darstellen.
Eisschollen treiben auf den Seen am Wegesrand. Der Rand des Jostedalsbreen
rückt immer näher. Meine innere Anspannung steigt mit jedem Schritt
auf dem Weg zu diesem See aus Eis und Schnee.
Schon
die Fahrt mit dem Bus zum Ausgangspunkt Skei, einem kleinen Ort,
der wie der Jostedalsbreen in der Region Fjordnorwegen liegt,
war eine spannende Angelegenheit. Im Morgengrauen setzte der Sogn
og Fjordane Ekspressen mit der Fähre über den Sognefjord über,
um auf der anderen Seite seine Fahrt von Oslo kommend durch lange,
dunkle Tunnel fortzusetzen. Doch am Ende des Fjarlandsfjords,
inmitten eines zu beiden Seiten besonders steil aufragenden Tales,
erspähte ich erstmalig hoch oben in den Bergen die Ausläufer des
Gletschers.
Bei
einem Blick auf eine norwegische Landkarte, fällt dieser große
weiße Fleck unmittelbar ins Auge. Jostedalsbreen steht dort geschrieben.
Über eine Fläche von 480 qkm erstreckt sich im Westen des Landes
nur Schnee und Eis. Es ist der größte Gletscher auf dem europäischen
Festland. An den Rändern fließt das Eis hinab in die tief eingeschnittenen
Täler, hinab zu den Menschen, zu Blumen und grünen Wiesen. Und
zu den Gletscherzentren, wo in den Sommermonaten unzählige Norwegenreisende
im Gänsemarsch Blaueiswanderungen auf den vom Plateau herunter
ziehenden Gletscherzungen und Gletscherbrüchen unternehmen. An
Seilen gesichert werden sie dort von erfahrenen Guides durch die
blanke und zerklüftete Eislandschaft geführt, die an vielen Stellen
so betörend intensiv blau schimmert. Doch mich lockt der einsame
pure weiße Schnee der höheren Lagen. Die weitläufige, leicht gewellte
Kappe des Jostedalsbreen.
Meine
innere Anspannung erreicht am zweiten Tag ihren ersten Kulminationspunkt,
als ich mit Händen und Füßen den letzten Bergrücken überwinde
und sich der Jostedalsbreen vor mir ausbreitet. Wie ein riesiger
See erstreckt sich die weiße Weite gen Horizont. Unaufhaltsam
schweift mein Blick darüber hinweg. Das mulmige Gefühl ist noch
immer da. Weit und breit ist keine andere Menschenseele zu sehen.
Nur lebendiges Eis. Der Gletscher lebt. An den Seiten, dort wo
das eisige Plateau abbricht und sich in die Täler ergießt, bilden
sich Risse im Eis. Spalten, Schlünde, gierige Mäuler. Gefährliche
Stellen, wenn sie von Schnee bedeckt sind. Doch nun im August
hat die warme Sonne den Schnee auf dem Gletscher geschmolzen.
Alle Gefahren liegen offen vor mir und ich werde sie hoffentlich
sicher umgehen können. Am Beginn des Eises schnalle ich meine
kurzen Skier unter. Ein letzter Blick zurück, dann rudere ich
hinaus. Hinaus auf den eisigen See, wo der Schnee zu Wellen erstarrt
ist. Mit jedem Schritt lasse ich das Ufer weiter zurück und die
Anspannung nimmt ab. Zuversichtlich tauche ich in die Fluten ein.
Nach
weiteren drei Tagen stoße ich auf eine Alustange inmitten der
weißen Unendlichkeit. Sie markiert den höchsten Punkt des Jostedalsbreen.
Hogste Breakulen - 1957 Meter hoch. Auf dem konturlosen Plateau
ist die Orientierung nicht einfach. Karte, Kompass und GPS sind
unverzichtbare Hilfsmittel, um die Richtung zu halten. Vor allem
wenn Wolken den Gletscher einhüllen und alles zu verschlucken
scheinen, wenn das oben und unten aufgehoben wird und sich alles
in einem einheitlichen weißen Brei verliert. Der gefürchtete White-Out.
Leben inmitten eines Wattebausch. Doch nun scheint seit Tagen
die Sonne. Am Morgen geht sie im Osten über den Bergen des Jotunheimen
auf, dem Land der Riesen. Am Abend taucht sie im Westen unter
hinter den Bergen Breheimens, dem Reich der Gletscher, bevor sie
später im Nordmeer versinken wird. Doch zuvor malen ihre Strahlen
das tagsüber grelle Weiß des Eises und des Schnees in warmen Tönen
an. Gelblich und orange sind die ersten Pinselstriche. Dann kommt
rot hinzu, bis das Bild schließlich dunkel-violett fertig gestellt
wird. Es sind die schönsten Stunden auf dem Dach Norwegens. Voller
Wärme und Geborgenheit. Die bedrohlich karge Eislandschaft, die
doch so leicht leblos und in ihrer Weite bedrückend erscheint,
blüht in diesen Momenten auf und all ihre Nuancen kommen in den
Abendstunden noch einmal zu Tage. Bis dann doch ein letzter kalter
Hauch zurückbleibt.
Der
Weg zum höchsten Punkt des Jostedalsbreen war abwechslungsreich
und er war immer wieder von neuen Eindrücken flankiert. Zuerst
musste ich Bings gryte passieren. Ein Nadelöhr, wo der Jostedalsbreen
nur eine schmale Brücke bildet, zu deren Seiten das Eis in zerklüfteten
Gletscherbrüchen steil in die Täler abfällt. Weit dort unten zeigten
sich für einen kurzen letzten Moment Wiesen und Felder. Mehr als
1000 Höhenmeter sind es dort hinab. Einige Kilometer weiter versperrten
mir Ramnane und Kvitekoll den Weg. Zwei Felsgipfel, Inseln im
Meer des Jostedalsbreen. Nunatak nennen die Inuit diese Berge,
die komplett von Gletschereis umschlossen sind. Doch das Eisplateau
ist dort nicht so homogen. Wie Brandung stößt es an die Berge
und zerreißt. Endlos tiefe Spalten fordern Umsicht und Vorsicht.
Nur gut, wenn das Wetter mitspielt. In respektvollem Abstand konnte
ich diese Untiefen umschiffen.
Auch
wenn die Temperatur am Tage bis über die 20 Grad Marke klettert,
so habe ich in den Nächten dennoch das Gefühl auf einer offenen
Kühltruhe zu schlafen. Der Schnee erstarrt, das Zelt wird Zufluchtsort,
der Schlafsack wohliger Kokon. Eine warme Trekking-Mahlzeit gibt
neue Kraft und spendet Wärme für die Nacht. Aber das Wetter bleibt
mir wohl gesonnen. Wie im siebten Himmel, den weißen Schnee wolkengleich
zu Füßen, das endlose blau über mir, erreiche ich Brenibba, am
Ende des Jostedalsbreen. Ein kurzer Abstecher auf diesen einfachen
Geröllgipfel lohnt sich. Ein Panorama sondergleichen erstreckt
sich in alle Himmelsrichtungen. Zurück liegt das Plateau des Gletschers.
Einsam, weitläufig, atemberaubend. Ich habe das andere Ufer erreicht.
Von dort geht es steil hinab ins Stordalen. Ebenso anspruchsvoll
wie der Aufstieg. Erst unten im Talgrund, nach einer eisig-kalten
Querung eines Gletscherflusses, spüre ich so richtig, dass ich
es geschafft habe. Erst dort entfällt die Anspannung komplett.
Der weiße Fleck auf der norwegischen Landkarte liegt hinter mir.
Josten pa langs - eine Längsüberquerung des größten Gletschers
auf dem europäischen Festland.
Tage
später reihe ich mich ein in die Blaueiswanderungen auf dem Nigardsbreen,
einem Seitenarm des Jostedalsbreen weit unten im Jostedalen. Es
regnet und dunkle Wolken hängen tief über dem Eis. Dennoch laufen
die Bergführer vom Breheimsenteret Jostedal auch an diesem Tag
mit vielen Menschen mal wieder im Gänsemarsch durch den Gletscherbruch.
Tausende sind es pro Jahr. Meine Gedanken wandern zurück. Hinauf
auf das viele hundert Meter höher liegende Plateau des Jostedalsbreen.
Von hier unten erscheint es unnahbar. Der einsame Übergang von
der Erde zum Himmel.
Josten
pa langs - eine geführte Tour
Eine geführte Schneeschuhüberquerung des Jostedalsbreen bietet
Quanok Winter-Outdoor-Reisen an. Die Reise dauert 9 Tage. Davon
sind 7 Tage für die Überquerung des größten Gletschers auf dem
europäischen Festland vorgesehen.
Weitere
Informationen unter:
www.quanok.com.
Hier wird diese Tour angeboten
www.fjordnorway.com (allgemeine
Infos zur Region)
www.jostedal.com (Infos
zum Nationalpark Jostedalsbreen und zum Breheimsenteret Jostedal)
www.nor-way.no (Fahrpläne
und Routen norwegischer Überlandbusse
www.germanwings.com (günstige
Flüge nach Oslo)
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