Wasserwandern / Gewässerkunde
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 !  Gewässerkunde

Wasser.
Für die einen hat es keine Balken, und sie meiden es daher wie der Teufel das Weihwasser, Für den Paddler hingegen ist es im wahrsten Wortsinn das "tragende Element". Wo immer es wenigstens eine Spanne tief steht, kann er sich mühelos fortbewegen. Das Wasser ist der Weg. Wieder drängt sich der Vergleich mit dem Auto auf. Wer seine ersten Versuche hinter dem Lenkrad absolviert, wird dies nicht auf Großstadtstraßen und im Feierabendverkehr tun, auch nicht auf der Autobahn oder einer Allrad-Piste. Wichtig ist, daß man sich auch für die ersten Paddelschläge das richtige Gewässer aussucht. Wer sofort " Baden geht" oder gar "Schiffbruch erleidet" , kann rasch den Spaß an der Sache verlieren - wenn er nicht gar Ernsteres riskiert. Daß man sich nicht sofort ins Wildwasser stürzt, ist klar. Aber auch "stille Wasser" bergen ihre Tücken, die man der trügerischen Seerosen-ldylle vielleicht gar nicht zutraut. Deshalb: Welches Gewässer ist für die ersten Versuche geeignet? Wo verbergen sich Risiken und Schwierigkeiten? Wie kann man sie erkennen und umgehen oder bewältigen?

Seen und Küste

Ein stiller Waldsee - sollte man meinen - ist das ruhigste und friedlichste Wasser, so zahm und spiegelglatt wie daheim die Badewanne. Lassen Sie sich nicht täuschen. Was jetzt ein harmloser Badesee ist, kann Minuten später wilde Wellen schlagen und mühelos das dickste Kanu umschmeißen. Ganz klar. den Unterschied zur Badewanne macht der Wind! Alles, was größer ist als ein Tümpel, kann er ruckzuck aufwühlen und unbefahrbar machen. Je weiter die Fläche, desto höher können sich die Wellen türmen, Aber auch schmale, langgezogene Seen zwischen scheinbarschützenden Bergwänden verwandeln sich durch Fallwinde manchmal in wahre Hexenkessel. Seen sind also nicht unbedingt das ideale Anfängergewässer Dennoch hat ein seichtes Badeufer bei Windstille seine Vorteile. Dem Kanuneuling macht dort keine Strömung zu schaffen, man spürt die Auswirkung seiner Paddelschläge direkt und unverfälscht.  Es gibt keine  unübersichtlichen Kehren, hinter denen Gefahren lauern könnten. Und man kann ungeniert eine Kenterung riskieren, ohne von tückischen Strömungen hinweggespült zu werden. Kurz: man fühlt sich sicher, Und das ist für die Abnabelung vom festen Land schon mal die halbe Miete. Als Wasserwanderweg hingegen sind größere Seen mit Vorsicht zu genießen, Auf jeden Fall hält man sich tunlichst in Ufernähe, um bei auffrischendem Wind sofort anlegen zu können. Schon mäßiger Gegenwind kann auf offenen Wasserflächen das Leben sauer machen. Und ohne Spritzdecke werden die Wellen schneller ins Boot hüpfen als einem lieb ist. Wer Überwiegend auf Seen unterwegs sein will, muß daher einen entsprechenden Bootstyp auswählen. ( Hierzu ein Artikell im Archiv) Sollte das Kanu gar kentern - und auch das ist bei Wind und Wellen schneller passiert als mancher "Scheiße! " schreien kann - besteht die Gefahr, daß es weggetrieben wird, ehe man sich daran festhalten kann, An Meeresküsten sind die Schwierigkeiten mit Wind und Wellen meist noch größer als auf Seen - und hinzu kommen Risiken durch Gezeitenströmngen und Tidenhub, Küstenfahrten erfordern daher spezielle Boote, entsprechende Kenntnisse und Erfahrung, die man sich nicht im Alleingang aneignen kann.

Wellengang

In (Dünungs)wellen auf Seen und an Küsten steht das Wasser praktisch still. Was sich fortbewegt, ist nur die Welle. Das ist beim Wasser nicht anders als bei der La Ola-Welle im Stadion, wo sich die Fans ebenfalls keinen Schritt von ihren Plätzen entfernen. Aber selbst wenn Wellen nicht die Kraft des strömenden Wassers haben, so können sie ein kleines Boot doch sehr grob umherstoßen, abbremsen und durchschütteln, oder schlagartig umkippen ! Besonders gefährlich sind Wellen von der Seite. Besser nimmt man die Wellen mit Bug oder Heck, Wellen von hinten haben zwar den Vorteil, daß sie das Boot schieben - oder gar zum Surfen bringen  aber man hat sie nicht im Blick und muß jederzeit mit unangenehmsten Überraschungen rechnen, Wellen von vorn bremsen, sind dafür aber leichter einzuschätzen. Werden sie höher, nimmt man sie nicht frontal, sondern leicht schräg, damit sich der Bug nicht hineinbohrt. Auf Seen und an Küsten hat man es mit allerlei Unregelmäßigkeiten zu tun: Steile Wellen, die Bug oder Heck aus dem Wasser heben oder darüber hereinbrechen können, höhere und niedrigere Wellen in unregelmäßiger Folge, schräg und durcheinander laufende Wellen sowie Kreuzwellen, die durch das Zurückprallen von steilen Ufern entstehen. Selbst harmlose Wabbelwellen können bei Wind zur Gefahr werden. Im Zweifellsfalle hilft nur eins: frühzeitig anlegen und aussitzen!

Fließgewässer

Wenn das balkenlose Element gar noch anfängt, sich zu bewegen - dann traut ihm manche Landratte erst recht nicht mehr. Das ist verständlich, aber falsch, Verständlich, weil es immer Angst macht, wenn eine "fremde Gewalt" (in diesem Fall die Strömung) uns packt, die wir (noch) nicht kontrollieren können. Falsch, weil auch auf dem Wasser alles relativ ist und das Wasser daher praktisch stillsteht, sobald das Boot frei darauf treibt (Voraussetzung: kein Wildwasser und keine Hindernisse!). Gleich nach dem Badestrand bei Windstille ist ein kleiner Fluß mit geringer Strömung und ohne Hindernisse das ideale Anfänger- und Trainingsgewässer und sicherer als eine offene Seefläche. Allerdings muß man auch die Zeichen leichter Strömung lesen lernen und Erfahrung sammeln. Jeder Wasserlauf ist ein sehr lebendiges und höchst eigenwilliges Wesen, bei dem Veränderungen der Verhältnisse (z.B. des Wasserstandes) drastische Veränderungen auslösen können,

Flußverlauf, Stromzunge und Kehrwasser

 Kein natürlicher Fluß fließt schnurgerade und wenn die Landschaftsplaner ihn per Bagger dazu zwingen, so schafft er sich durch Ablagerungen bald wieder einen gewundenen Strömungsverlauf.  Die schnellste Strömung, die Stromzunge (manche sagen auch " Hauptströmung"), verläuft also nie stracks in der Flußmitte , sondern pendelt von einem Ufer zum andern immer in Richtung Außenbogen. Das ist umso ausgeprägter, je stärker der Fluß gewunden und je stärker sein Gefälle ist. In engen Kehren kann die Stromzunge bis ans Ufer des Außenbogens (Prallhang) reichen, während im Innenbogen (Gleithang) das Wasser durch Ablagerungen flach ist und entweder fast stillsteht oder sogar einen großen Wirbel bildet und wieder flußauf fließt. Dieses entgegen der Flußrichtung strömende Wasser nennt man Gegenstrom oder Kehrwasser, Wer schneller vorankommen will, indem er - wie auf der Straße - die Kurven schneidet, der wird (sofern die Strömung nicht sehr gering ist) bald merken, daß auf dem Wasser andere Gesetze gelten, weil der Fluß im Außenbogen zwar den längeren Weg hat, dafür aber auch rascher fließt, während er im kürzeren Innenbogen langsamer ist oder der Kanute gar gegen die Strömung des Kehrwassers anpaddeln muß, Nützlich können diese Gegenströmungen sein, wenn man kurz "parken" möchte, um den weiteren Flußverlauf zu überblicken oder um aus einer stärkeren Strömung heraus anzulegen. Wenn man auf schnell fließendem Wasser die Linie zwischen Stromzunge und Gegenströmung (Scher- oder Verschneidungslinie) passiert, merkt man dies möglicherweise daran, daß das Boot plötzlich wie von Geisterhand herumgerissen wird. Bei noch stärkerer Strömung kann das Boot sogar wie von einer Riesenkeule getroffen umkippen, Mit solch ungestümen Strömungen allerdings wollen wir vorerst nichts zu tun haben (mehr darüber in einer späteren Folge),

Gefälle und Geschwindigkeit

Je stärker das Gefälle, desto schneller das Wasser. Dies scheint logisch, stimmt aber nicht immer. Nicht unbedingt muß mit dem Gefälle auch der Schwierigkeitsgrad steigen; sowenig wie mäßiges Gefälle stets ein Garant für leichtes Paddeln ist. Zuviele Faktoren spielen eine Rolle (Breite, Tiefe, Hindernisse, Wasserstand). Gering sind Gefälle von weniger als 1% (d,h. 1 m Höhenunterschied auf 1000 m Flußstrecke), Die Strömungsgeschwindigkeit wird dort bei etwa 1-3 km/h liegen, so daß man mühelos noch stromauf paddeln kann. Flüsse mit einem Gefälle von mehr als 5% lassen bereits Wildwasser erwarten und sind für Wasserwanderer meist ungeeignet (nur zur Orientierung: die Loisach (Wildwasser III und IV) hat 12 %! ), Bei Gefällen zwischen 1% und 5% sind Strömungsgeschwindigkeit und Befahrbarkeit für Wanderpaddler von Faktoren wie Verblockung, Wasserführung etc, abhängig. Außerdem sind die Promille Angaben Durchschnittswerte, 90% des Flusses können flach verlaufen, während das restliche Zehntel umso steiler und schneller ist. Ferner verändert sich die Fließgeschwindigkeit mit dem Wasserstand. Man sieht: Gefälle und Geschwindigkeit mögen wichtige Informationen sein: für sich allein reichen sie jedoch nicht aus, um einen Fluß zu beurteilen,

Schwierigkeitsgrad

Der Schwierigkeitsgrad von ganzen Gewässern und einzelner stellen eines Flußlaufes wird nach der einheitlichen Schwierigkeitstabelle des DKV klassifiziert, Diese Angaben findet man in vielen Flußbeschreibungen und Paddelführern. Die DKV-Tabelle umfaßt drei Schwierigkeitsgrade für Zahmwasser und sechs für Wildwasser, Wanderpaddler mit beladenem Kanu können - entsprechende Erfahrung vorausgesetzt! - Wildwasserstellen der Schwierigkeit I, II und evtl. noch III noch befahren. Alles, was darüber liegt, ist das Revier der Wildwasserspezialisten, Zahmwasser I:stehende und langsam fließende Gewässer bis maximal 4 km/h (langsamer als Fußgänger), auf denen man mühelos gegen die Strömung paddeln kann. Ideal für Anfänger zum Einüben der Grundtechniken, Zahmwasser II: Fließende Gewässer mit 4-7 km/h (schneller als Fußgänger), auf denen man sich durch Rückwärtspaddeln auf der stelle halten und mit Anstrengung noch gegen den Strom paddeln kann. Nach dem Erlernen der Grundtechniken geeignet, um mit der Strömung vertraut zu werden, Zahmwasser III: Fließgewässer mit einer Geschwindigkeit von mehr als 7 km/h, die auch durch kräftiges Rückwärtspaddeln nicht mehr überwunden werden kann. Zusätzlich können Kiesbänke, Brückenpfeiler, Buhnen mit ihren Kehrwassern und andere Hindernisse bereits ein gewisses Maß an Bootsbeherrschung erfordern. Wildwasser I (leicht): Vereinzelte kleine Schwälle mit regelmäßigen, meist niedrigen Wellen, Die zweckmäßigste Durchfahrt ist klar zu erkennen. Möglichen Hindernissen wie Kiesbänke, Brückenpfeilern oder Uferbauten muß man ausweichen. Wildwasser II (Mittel/schwer). Häufig vorkommende Schwälle mit meist noch regelmäßiger Wellenbildung, leichte Wirbel, Walzen und Kehren, einfache Hindernisse im Stromzug und kleinere Stufen, Die zweckmäßige Durchfahrt ist meist klar erkennbar. Leichte und mittelschwere Floßgassen und Wehrdurchfahrten, Wildwasser III (Schwierig): Zahlreiche Schwälle mit hohen, unregelmäßigen Wellen, Brechern, Walzen, Wirbeln und Kehren; einzelne Felsblöcke und Stufen im Stromzug. Die zweckmäßige Durchfahrt ist nicht immer klar erkennbar. Schwierige Floßgassen, Obere Grenze für offene Kanadier und Wanderpaddler mit Gepäck, Achtung: Angaben dieser Art in Flußbeschreibungen gehen von Normalwasser aus; und wie wir oben gesehen haben, können bereits geringe Änderungen im Wasserstand die Strömungsverhältnisse  und damit den Schwierigkeitsgrad - drastisch verändern. Also: auch wenn Sie die angegebene Schwierigkeit mühelos beherrschen, sehen Sie sich die Stelle im Zweifelsfalle lieber nochmal an, Sie könnten sonst eine unangenehme Überraschung erleben! Soviel zur Gewässer-Theorie. Jetzt zur Praxis: Laden Sie Ihr Schiffchen aufs Autodach und inspizieren Sie das Gewässer Ihrer Wahl in natura.
VIEL SPASS  wünscht Ihnen das Team von Outdoor-aktiv


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